Das European Multimedia Forum ist der europäische Dachverband der nationalen
Multimediaverbände. Der Verband sieht sich als Schnittstelle zwischen
Wirtschaft und der EU-Regierung. Aus diesem Zwecke veranstaltete das EMF am
19./20.6.2001 in Brüssel eine internationale Konferenz zur
Informationsgesellschaft. Als Fachveranstaltung auf hohem Niveau kann man die
Konferenz insgesamt bewerten. Eine gute Organisation, angeregte Diskussionen und
interessante Pausengespräche und Teilnehmer sowie ein breites Update der
verschiedenen Themen zur Informationsgesellschaft charakterisierten die
Veranstaltung.
Koregulierungsansatz
Eröffnet wurde die Konferenz durch EU-Kommissionsmitglied Erkki Liikanen,
der zu dem Thema „Selbstregulierung versus Regulierung im Internet"
sprach. Liikanen zeigte auf, wie das Internet die staatlichen Regulierer
herausfordert. Durch den globalen Ansatz des Internet werden globale Regelungen
benötigt. Hierbei sind aber unterschiedliche Philosophien zu beachten, z. B.
der hohe Stellenwert des Prinzips des „free flow of information" in den
USA. Die Standards für das E-System sind allerdings zu entwickeln. Die
Regulierer sind hier gefordert. Liikanen protegierte das System der Koregulierung,
also der Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen Sektor einerseits und dem
privaten Sektor andererseits in Form von Industrie und
Verbraucherorganisationen. Da Prinzip der Koregulierung soll insbesondere dort
zur Anwendung kommen, wo das Prinzip der Selbstregulierung nicht sinnvoll ist.
In der Diskussion wurden die bedenken geäußert , dass das System der Koregulierung
zu mehr Fragmentierung statt zu einer Harmonisierung führen könnte. In den
Pausengesprächen waren zudem die Bedenken zu hören, dass das Prinzip der Koregulierung
wissenschaftliche Recherchearbeit und/oder die politische Auseinandersetzung und
Harmonisierung mit z. B. dem amerikanischen Recht nicht ersetzen kann. Die
rechtsvergleichende Arbeit und die hierausfolgende internationale Koordinierung
müsse Priorität haben gegenüber der EU-internen Regulierungsarbeit. Selbst
Jim Murray von der Europäischen Verbraucherorganisation unterstützte den Koregulierungsansatz
nur bedingt. Für Murray sind rechtliche Rahmenbedingungen notwendig.
Dot eu
Zur Errichtung der neuen Top Level Domain.eu wird das EU-Parlament rechtliche
Rahmenbedingungen verabschieden. Christopher Wilkinson, DG Information Society,
beschrieb die Entwicklung der .eu-Diskussion, die bereits 1998 in Gang gesetzt
wurde. Wilkinson betonte, dass die Schaffung dieser neuen TLD stets von allen
beteiligten Kreisen unterstützt worden ist. Problematisch könnte allerdings
der Mißbrauch von Namen werden. Für die Inhaber von wichtigen Rechten ist
daher eine kurze sog. sunrise period vorgesehen, in welcher diese die Domain
Namen bevorzugt eintragen lassen können. Weitere Lösungen sollen erreicht
werden durch alternative Streitschlichtungsverfahren. In der Diskussion wurde
deutlich, dass die Streitschlichtungsverfahren der ICANN/WIPO der Ausgangspunkt
sein wird, der in gewissen Punkten an die Lage bei .eu angepasst werden muß.
Colette Flesh, MEP, stellte die Diskussion in den Parlamentsausschüssen dar.
Der Rechtsausschuß hat einige neue Ideen geäußert, z. B. ein Gremium für die
interessierten Gruppen. Fleh sieht die Gefahr der Überregulierung durch die
europäischen Institutionen. Malcom Harbour, MEP, sieht die Regulierung mit
Blick in die Zukunft des SMS-Dienste als besondere Herausforderung für die
Politiker an, da stets abzuwägen sei zwischen der freien Entwicklung des
Marktes und dem Schutz der Verbraucherinteressen.
Legal Aspects of E-Commerce
Elisabeth Crossick, Freshfields u.a., bewertet die nationale Umsetzung der
EU-rechtlichen Vorgaben für die digitale Signatur, den Fernabsatz sowie die
E-Commerce-Richtlinie als Schlüsselprobleme. Benötigt werden schnelle und
sichere Lösungen. In einem Überblick über die jüngsten Regulierungsvorhaben
machte sie deutlich, dass zum Beispiel im Urheberrecht nicht der gewünschte
Grad an Harmonisierung erreicht wurde und zum Beispiel im Bereich des
Fernabsatzes erhebliche zeitliche Verzögerungen zwischen EU-Richtlinien und
nationaler Umsetzung bestehen. Piia-Noora Kauppi, MEP, betonte die Notwendigkeit
der rechtlichen Harmonisierung auch über die Grenzen von Europa hinaus.
Notwendig seien rechtliche Rahmenbedingungen, nicht aber Detailregelungen. Tim
Fenoulhet, EU-Kommission, DG Informationsgesellschaft, verdeutlichte das von
Liikanen vorgeschlagene Koregulierungsmodell. Die Anteilseigner aus der
Industrie sollen, nachdem die politischen Themen festgelegt worden sind,
Richtlinien entwerfen, die anschließend von dem Gesetzgeber in Recht umgesetzt
werden sollen. Für die Koregulierung geeignet seien die Themen e-confidence,
Alternative Streitschlichungsverfahren, Spams, Notice and take down-Verfahren,
Datenschutz, illegale Inhalte. Koregulierung soll schwerwiegendere Maßnahmen
verhindern.
Revolution of Mobile Commerce
Die Geschäftsmöglichkeiten, die der Mobilfunk ermöglicht, standen im
Mittelpunkt der Konferenz-Session. Im März 2001 hatte die EU-Kommssion eine
Mitteilung zum gegenwärtigen Stand der 3G und UMTS-Technologien
veröffentlicht. Harri Santämäki, Nokia, stellte die Herausforderungen vor,
die sich auf die zukünftigen Markt des Mobilfunk entwickeln werden. Eine der
Perspektiven sind die zusätzlichen Informationen, welche dank der ständigen
Verfügbarkeit der Mobilfunkgeräte auch am point-of-sale gegeben werden
können. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Nutzer nicht so anonym sind wie bei
der Internetnutzung. Verbreitungen sind geografisch beschränkbar. Hierdurch
kann urheberrechtlichen und datenschutzrechtlichen Belangen besser Rechnung
getragen werden. Patrick Vittet-Philippe, EU-Kommssion, DG Entreprise, sieht die
Entwicklung vom „free to all" zum „fee for all" als große
Herausforderung. Die Inhalte und insbesondere die Kontrolle über diese sind
nach Ansicht des Referenten von wesentlicher Bedeutung: „Content is king.
Content control is King Kong." Mit Blick auf die verschiedenen
Werberestriktionen in den Mitgliedsstaaten zeigte Vittet-Philippe einen
Harmonisierungsbedarf auf, denn: „The futur of Internet will be determined by
policy choices, not by technology choices."
Urheberrecht
Die Konferenz gab einen kurzen Einblick in die Fragestellungen und Antworten,
die sich aus der neuen Richtlinie zum Urheberrecht ergeben. Ted Shapiro von der
Motion Pictures Association konzentrierte sich auf die Ausnahmeregelungen des
Art. 5 (Ausnahmen für ephemere Vervielfältigungen, Privatkopien,
Kopierschutzvorrichtungen sowie die Verantwortlichkeit für Service Provider
für Urheberrechtsverletzungen). Alessandra Silvestro, AOL Time Warner Europe,
wandet sich insbesondere den technischen Schutzvorrichtungen zu, mit deren Hilfe
der ausschließlich rechtmäßige Gebrauch sichergestellt werden soll. In Parallele
zu diesen Schutzsysteme wird es Abgabesysteme geben müssen, da die
Rechtsinhaber ausreichend entschädigt werden müssen für die Kopien, die
außerhalb des lizensierten Gebrauches erfolgen. Lucy Cronin von der Digital
Media Association hob die Bedeutung der Richtlinie zur Schaffung von
Rechtssicherheit hervor. Die Mitglieder ihrer Organisation würden nunmehr nicht
auf die Implementierung der Vorschriften warten, sondern vielmehr bilaterale Vereinbarungen
mit Verwertungsgesellschaften verhandeln. Hiermit sollen Lizenzen für die
Online-Verbreitung vereinbart werden. Maria Laptev von der Tonträgerindustrie
verwies auf den Betrag von 30 Millionen Euro pro Jahr, den ihre Mitglieder als
Abgaben an die Verwertungsgesellschaften zahlen müssen. Sie forderte eine
bessere Transparenz im Hinblick auf die von den Verwertungsgesellschaften
eingenommenen Geldern und deren Verwertung. Die Diskussion konzentrierte sich
auf die Ausnahmeregelungen, die letztlich wegen des freiwilligen Charakters der
Regelungen zu keiner Harmonisierung der nationalen Vorschriften führt.
Datenschutz
Die Europäische Kommission hat eine neue Richtlinie zum Datenschutz für
Kommunikationsdienste vorgeschlagen, die noch vom EU-Parlament angenommen werden
muß. Im Rahmen der Konferenz wurde insbesondere das opt-out/opt-in-Verfahren
diskutiert. Marco Capatto, MEP, hatte sich in deinem Bericht vor dem Parlament
für eine Wahlmöglichkeit der Mitgliedsstaaten zwischen opt-out und opt-in
ausgesprochen. Allerdings würde das opt-out Verfahren nicht wirklich helfen, um
das Spammingproblem zu lösen. Alastair Tempest von dem europäischen
Direktmarketingverband sprach sich ebenfalls weder für noch gegen das
opt-out-Verfahren aus. Er verdeutlichte, das Einwilligungen nicht nur für den
Umgang mit sensitiven Daten erforderlich sind. Die Einwilligungen müssen
informiert erteilt werden und müssen widerrufbar sein. Ulf Brühann,
EU-Kommission, DG Binnenmarkt, zeigte Entwicklungslinien im datenschutzrecht
auf. Während früher der Schutz von Korrespondenz erreicht werden sollte, soll
heute die Kommunikation geschützt werden. Das Tracking biete weite
Möglichkeiten zur Erstellung von Persönlichkeitsprofilen. Betroffen von den
Fragestellungen seien neben den Datenschutzrichtlinien die neuen
TK-Richtlinienentwürfe, die E-Commerce-Richtlinie sowie der Entwurf der
Cybercrime Convention. Als Vertreter der Wirtschaft zeigten Alex Houtart,
fortisbusiness.com, sowie Armgard Von Reden, IBM, ihre internen Aktivitäten
auf. Houtart verdeutlichte die Vielgestaltigkeit der Verträge und
Rechtsordnungen, die bei der Gestaltung von Internetportalen als Datenbanken zu
berücksichtigen sind. Von Reden verdeutlichte die unternehmensinternen
Bemühungen zum Datenschutz, da das fehlende Vertrauen der Kunden in dieser
Hinsicht einer der wesentlichen Gründe ist, die Kunden vom Besuch von
Internetseiten abhalten. Für das Unternehmen IBM gelten verschiedene interne
Richtlinien zum Datenschutz. Besondere Sicherheitssoftware, Webmining Tools und
Auditsysteme werden angewendet, um einen bestmöglichen Umgang mit den Daten zu
erreichen.
Besteuerung des E-Commerce
Die EU-Kommission hat einen Vorschlag für ein Steuersystem für digitale
Produkte entwickelt. Vorgesehen ist, dass alle Dienstleistungen, die innerhalb
der EU in Anspruch genommen werden, besteuert werden. Außerhalb der EU in
Anspruch genommene Dienstleistungen sollen dagegen steuerfrei sein. Im Rat wurde
der Vorschlag am 5.6.2001 diskutiert, ohne dass eine Verständigung auf den
vorgeschlagenen Text erfolgte. Arthur Kerrigan, EU-Kommission, DG Verbraucher
und Steuern, zeigte die Notwendigkeit eines Steuersystems anstelle von 15
verschiedenen Steuersystemen auf. Wegen des Vetos aus UK sei es nicht möglich
gewesen, sich auf den vorgesehenen fairen und fexiblen Kompromiß zu
verständigen. Kerrigan erwartet eine Verabschiedung der Richtlinie in ca. zwei
Jahren. Zur Zeit liege ein schwedischer Vorschlag auf dem Tisch, der davon
ausgeht, dass die Steuern dort erhoben werden, wo der Verbraucher sich befindet.
Dieser Vorschlag wurde auch von Ine Lejeune, PWC, Sprecherin der e-Tax-Group,
und Louise Cracknell, Siemens AG, befürwortet. Der Vorschlag sollte möglichst
umgehend angenommen werden. Ohne die Annahme der Richtlinie würden die
EU-Dienstleistungen 15 bis 25 % teurer bleiben als die Angebote der Wettbewerber
aus Nicht-EU-Ländern. Lejeune und Cracknell betonten, dass neben den
steuerrechtliche Fragestellungen auch ein Blick auf die Richtlinie zu
elektronischen Rechnungen erforderlich sei. Simon Hampton, AOL, verdeutlichte,
dass Onlineangebote stets als Dienstleistungen behandelt werden und als solche
besteuert werden, selbst wenn diese einer geringeren Besteuerungsrate in der
Offline-Welt unterliegen (z. B. Bücher). Des weiteren verdeutlichte Hampton die
Schwierigkeiten bei der Zuordnung des Verbrauchsortes.
IST-Programm
Gerard Comyn, EU-Kommission, DG Informationsgesellschaft, zeigte die Rahmenbedingungen
des 6. Programms für Research and Development Technologies (2003 - 2006) auf. .
Dieser Vorschlag wird zur Zeit im Parlament diskutiert. Zum Abschluß der
Veranstaltung zeigte Veranstalter Philippe Wacker, EMF, die große Lücke auf,
die zwischen Rechteinhabern an Inhalten und den Technikern besteht. Er sah eine
Notwendigkeit für die Europäische Industrie, neue Businessmodelle zu
entwickeln, um Inhalte auf den Markt zu bringen. Technologien müßten im Rahmen
einer Wertekette entwickelt werden.