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Veranstaltungsberichte Medien

 

 

Kölner Medienforum, 15./16. Juni 1998

Strukturveränderungen durch Informationsgesellschaft

Eindrücke vom Kölner Medienforum 1998

Es tut sich etwas. Die Anzeichen echter Veränderungen in der Medienwelt mehren sich. Das Stichwort Konvergenz kennzeichnet die Veränderungen durch das Zusammenwachsen von Medien, Telekommunikation und Informationstechnologie. Konzentrationstendenzen und Unternehmenszusammenschlüsse, die bundesweite Monopole verursachen, erhalten durch die Stichworte Globalisierung und Global Player eine neue Dimension. Investitionen der Medienunternehmen in neue Kommunikationsformen und die - hierdurch bedingten? - Finanznöte derselben Unternehmen lassen Überlegungen zu neuen Marktmodellen aufkammen. Politische Fensterreden von Seiten der Bonner Opposition betonen die Notwendigkeit von Innovation und strukturellen Veränderungen und predigen den Geist des Optimismus. So gab Kanzlerkandidat Gerhand Schröder auf dem Medienforum den Leitspruch "The futur is bright" vor.

Für Kongressveranstalter sind derartige Umbruchsituationen gut, denn sie verursachen Diskussionsbedarf, der auf den Kongressen befriedigt werden kann. So wurde denn auch heftig diskutiert in den kleineren und größeren Runden des Kölner Medienforums. Themen waren das digitale Fernsehen, die Regulierung der Medien in Deutschland und Europa, der 4. Rundfunkänderungsstaatsvertrag, Business TV u.v.a.m.. Nicht angesprochen wurden dagegen die Auswirkungen der Informationsgesellschaft auf die derzeitige Arbeitsteilungsstruktur zwischen Handel, Medien und Produzenten. 

Medienpolitische Inventur durch Clement

Vielbeachtet war die Rede von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wolfgang Clement. In einer medienpolitischen Inventur stellte Clement fest, daß Deutschland einerseits die vielfältigste und reichhaltigste private Rundfunklandschaft in Europa hat, verbunden mit einem öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem, welches hinsichtlich seiner Programmleistungen an der internationalen Spitze steht. Das deutsche Breitbandkabelnetz sei das Größte weltweit, welches aber zugleich am unwirtschaftlichsten und am schlechtesten strukturiert ist. Die Telekommunikations-Infrastruktur benötige ein "Upgrading", um innovative Infrastrukturen aufzubauen. Die Rundfunkregulierung sei hochkomplex, nur begrenzt effizient und äußerst kostspielig. Clement stellte eine grundlegende Wandelung des Mediensystems in den vergangenen 10 Jahren fest. Die Vernetzungs- und Konvergenztendenzen, die das Mediensystem prägen, erforderten eine adäquate Antwort des politischen Systems. Den ersten Schritt hierzu hat Clement selbst getan, indem er in Nordrhein-Westfalen alle Zuständigkeiten für Rundfunk, Multimedia, neue Medien, Medienwirtschaft, Medientechnik, Telekommunikation, Softwarewirtschaft und Film in einer Arbeitseinheit und in einer Institution, der Staatskanzlei, zusammengefaßt hat. Darüber hinaus forderte Clement neue Strukuren, in denen zwischen den Ländern, dem Bund und der EU eine kontinuierliche Koordination medien- und telekommunikationspolitischer Aktivitäten stattfinden kann. Der Ministerpräsident beurteilte die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zwiespältig, da Behäbigkeit immer mehr zum Attribut der Verlierer wird. Wer beim Stichwort "digitales Fernsehen" nur an digitales Fernsehen denke, der gehe an der Sache vorbei: Das digitale Fernsehen stehe für einen Prozeß, in dem sich unsere gesamte Medienumwelt, unsere gesamte Mediennutzung drastisch veränderen werde.

In fünf Thesen faßte Clement die Hauptaufgaben für die Medien- und Telekommunikationspolitik der nächsten Zeit zusammen:  Der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse Zugang zur digitalen Medienwelt erhalten, wenn die Angebote werbefrei und vorwiegend programmbezogen sind. Der private Rundfunk benötige liberale Ramenregelungen, damit er wirtschaftlich gekräftigt wird und auf internationalem Parkett an Wettbewerbsstärke gewinnt. Das digitale Fernsehen brauche Rahmenregelungen, die zur Marktöffnung beitragen, unternehmerisches Handeln belohnen und zugleich Wettbewerb und diskriminierungsfreien Zugang sichern. Ferner müssten Rahmenbedingungen geschaffen werden, unter denen sich Investitionen in die Modernisierung der Infrastrukturen lohnen. Schließlich seien neue Konzepte zur Verzahnung und zur Effektivitierung der Arbeit der Aufsichts- und Regulierungsbehörden zu schaffen. 

Zwangs-Pay-TV durch Kabelgebühren

In Ergänzung zu den Strukturüberlegungen von Clement sind die mehrfach geäußerten Forderungen von Jürgen Doetz, dem Präsidenten des Verbandes Privater Rundfunk und Telekommunikation e. V.(VPRT), nach einer Kabelgebühr zu sehen. Eine solche Gebühr, die vom Zuschauer zu erheben wäre und den Charakter eines Zwangs-Pay-TV hätte, würde die Finanzierung des privaten Fernsehens erleichtern. Der Effekt wäre, daß das private Fernsehen sich von der Werbefinanzierung zumindest teilweise emanzipieren könnten. Der Fernseh-Werbemarkt, der heute bereits nur durch die Werbemöglichkeiten bei den Öffentlich-Rechtlichen nicht vollständig einem faktischen Monopol überlassen bleibt, würde damit noch stärker einer willkürlichen Preisfestsetzung ausgesetzt. Doch die Werbung spielt beim privaten Fernsehen anscheindend keine große Rolle mehr: die Versuche von Moderatoren, in ihren Diskussionsrunde - z. B. zum digitalen Fernsehen - die Werbung zu thematisieren, führten nicht zum Erfolg. Das Stichwort Pay-TV ließ die derzeitige Haupteinnahmequelle der privaten Medien zur unbeachtlichen Nebensache verkommen. In die Diskussionen eingebracht wurde allerdings mehrfach die Forderung des VPRT nach einer must-carry-Regelung, welche die Öffentlich-Rechtlichen verpflichten würde, die neue Übertragungstechnik von Bertelsmann/Kirch zu nutzen. Eine solche Vorschrift würde die Öffentlich-Rechtlichen in ihrer unternehmerischen Freiheit beschränken und Alternativkonzepte zur D-Box-Lösung von Bertesmann/Kirch - wie die von Otelo - hinfällig machen. Diese must-carry-Regelung soll nunmehr Bestandteil eines neuen Marktmodells sein, welches der VPRT mit den Kabelanlagenbetreibern verabreden möchte. 

Ist Werbung out und Business-TV in?

Auffällig war die Vielzahl der Anbieter zum Business-TV, die ihre Dienstleistung auf der dem Medienkongress angegliederten Messe präsentierten. In einer Nachmittagsveranstaltung hatten einige der Agenturen die Gelegenheit, derzeitige Formen des Business-TV (BTV) zu präsentieren. BTV wird bislang überwiegend zur Mitarbeiter- und Händlerschulung und zur Motivation dieser Zielguppen eingesetzt. Einige der BTV-Angebote enthalten auch Entertainment-Elemente und wirken durch den Einsatz von erfahrenen TV-Moderatoren professionell. Ob eine Entwicklung dieser  unternehmensinternen Kommunikationsmittel zu externen TV-Kanälen mit Spartenqualität möglich ist, dürfte von der Visionsfähigkeit und Investitionsbereitschaft der produzierenden Unterehmen abhängig sein. Zur Zeit hat man allerdings den Eindruck, daß die  werbungtreibenden Unternehmen so sehr mit sich selbst und ihren Problemen mit dem Handel beschäftigt sind. Strukturelle Veränderungen in der Kommunikationslandschaft mit möglicherweise gravierenden Auswirkungen auf die Werbemöglichkeiten und die Akzeptanz der heutigen Werbeformen werden nicht  wahrgenommen. Vertreter der Werbungtreibenden waren jedenfalls weder auf den medienpolitischen Podien noch im Publikum des Medienforums zu finden.

Ma - 17-6-1998

 

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