Medienkonzentration, Meinungsmacht und Werbemärkte
3. Fachtagung der Organisation Werbungtreibende im Markenverband (OWM)
Was waren das noch für Zeiten, als RTL und SAT 1hauptsächlich über die Gerichte und
rechtsanwaltliche Schriftsätze miteinander kommunizierten, als die Herren Thoma und
Kofler sich gegenseitig provozierten und das Publikum so mancher Medientage damit
unterhielten. Heute weht ein anderer Wind, wie Rolf Schmidt-Holtz, Vorstandsvorsitzender
der CLT/UFA, und Dieter Hahn, Mitglied des Vorstandes des Kirch-Gruppe, auf der 3.
OWM-Fachtagung am 23./24.4.1998 in Hamburg demonstrierten: Gemeinsam kamen die beiden
Herren fast zu spät zu ihrem Vortrag, wunderbar aufgeteilt waren die Redeinhalte, selten
zuvor ging einem Vertreter der Kirch-Gruppe das Wort RLT so glatt über die Lippen. Es
herrscht Frieden.
So schön ein solcher Frieden in der Politik auch sein mag - in der Marktwirtschaft
deutet er auf verteilte Märkte hin. Fast wie eine Vorahnung klangen da die Erinnerungen
von Rolf Kunisch, dem Vorsitzenden des Vorstandes der Beiersdorf AG, an die früheren
Zuteilungsverfahren bei ARD und ZDF. Jedoch dürften bei einem privatwirtschaftlichem
Monopol die besten Sendezeiten nicht mit Hilfe eines guten Abendessen zu ergattern sein -
Preissteigerungen bis hin zu Versteigerungen der besten Sendezeiten sind denkbar. Die
ersten Anzeichen für eine solche Entwicklung sind bereits heute erkennbar: Die Preise
für die Rechte insbesondere der Sportübertragungen steigen und steigen. Mit diesem
Preisen steigen auch die Werbepreise immer mehr, obwohl die Fragmentierung der Märkte und
weitere Faktoren dazu führen, daß immer weniger Zuschauer mit der Werbebotschaft
erreicht werden.
Die Politik scheint langsam zu beginnen, diese Fehlentwicklungen zu erkennen. Dieter
Wolf, der Präsident des Bundeskartellamtes, sprach von einem Geburtsfehler des alten
Rundfunkstaatsvertrages, der geradezu zum Aufbau eines Beziehungsgeflechtes eingeladen
hatte. Sorgen macht dem Bundeskartellamt auch der sog. Gruppeneffekt, der beim gemeinsamen
Handeln z. B. im Bereich des digitalen TV zu einer Abstimmung auch in anderen Bereichen,
also im Free-TV, führt. Das "fehlentwickelte System" müsse einer genauen
Ursachenforschung unterzogen werden. Zu untersuchen sind auch die Beteiligungen auf den
vor- und nachgelagerten Märkten, die Vertriebswege, die Zugangskontrolle zur Technik und
gekoppelte Werbestrategien, wie Reimut Jochimsen, der Vorsitzende der Kommission zur
Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK), betonte. Allerdings scheinen die
Bedeutung und die Schwierigkeiten, die mit der Messung des Zuschaueranteil zur
Verwirklichung des Zuschauermarktanteilsmodells verbunden sind, von der Politik noch nicht
vollständig erfaßt zu sein. Für Media-Experten ist es dagegen sehr fraglich, ob diese
Daten überhaupt gerichtsfest werden können. De facto ist diese Unsicherheit ein weiteres
Manko der rundfunkrechtlichen Konzentrationskontrolle.
Wie das Ziel der Vielfaltsicherung bei einem heranwachsenden Monopol sichergestellt
werden kann, dies dürfte die nächste Gestaltungsaufgabe der Politik sein. Allerdings
sollte dabei nicht im Vordergrund stehen, welche Wege der Zusammenarbeit nicht erlaubt
sind (z.B. die MDR-Kirch-Firma), wie es bei dem schleswig-holsteinischen
Ministerpräsident Gärtner anklang. Vielmehr sollten gerichtsfeste Kriterien dafür
sorgen, daß die zukünftige Kontrolle des Monopols tatsächlich greifen kann. Die Rolle
des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als Korrektor gegenüber anderen Tendenzen und
Strömungen betonte Albert Scharf, die Präsident der European Broadcasting Union und
Intendant des bayerischen Rundfunks. Diese Rolle bedarf der relativen Unabhängigkeit auch
von der Politik - Werbeeinnahmen auch nach 20 Uhr sind daher ein wichtiger Faktor für die
Unabhängigkeit der Öffentlich-rechtlichen.
"Große Unternehmen werden entweder Medienkonzerne oder sie werden keine mehr
sein", mit dieser zitierten Zukunftsprognose gab Jochen Ströbel, Geschäftsführer
des Mediahaus Ströbel, einen Zukunftstrend vor, der von vielen Markenartikelunternehmen
heute noch negiert wird. Die Akzeptanz der Meinungäußerungsfreiheit der herstellenden
Unternehmen und ihrer Kommunikationsstrategien ist eine Möglichkeit der
Meinungspluralität, der gerade im Online-Zeitalter eine immer stärkere Bedeutung
zukommt.
Die Werbungtreibenden wollten mit ihrer Fachtag Akzente setzen und der Politik
verdeutlichen, daß nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Werbungtreibenden Betroffene
der fehlenden effektiven Medienkonzentrationskontrolle sind. Wenn durch die Tagung der
Organisation Werbungtreibende im Markenverband (OWM) Gesprächsangebote z. B. zu dem
Kriterien der Zuschauermarktanteile aufgegriffen werden, dann wird ein erster Schritt hin
zu einer neuen Kommunikationsordnung getan.