Medienordnung und Werbewirtschaft 1998
Forum von OWM und GWA, 17. März 1998
Einen Tag vor der Ministerpräsidentenkonferenz zum 4.
Rundfunkänderungsstaatsvertrag traf sich die Werbewirtschaft im Studio 3 des ZDF
zu einem "Stafettenlauf" der Redner mit Direktübertragung über den Sender Phoenix.
Ziel der Veranstaltung war die Sensibilisierung der Politik für die Veränderungen in der
Medien- und Werbewelt und die Bedürfnisse der Werbewirtschaft.
Lothar S. Leonhard, Präsident des GWA, beschrieb eine zweifache
Inflation der Werbepreise. Die Vermarktung immer neuer Medienangebote führt zu einer Fragmentierung
der Nutzerschaften, so daß für die meisten der über 50.000 beworbenen Marken
nicht mehr die erforderlichen Reichweiten unter vertretbaren wirtschaftlichen
Voraussetzungen erreicht werden können. Die Programmkosten im Fernsehen
explodieren, was zu einem Preisanstieg trotz sinkender Leistung führt. Leonhard
rechnet damit, daß für die absehbare Zeit die Nachfrage nach effizienten Werbeblöcken
das Angebot bei weitem übertrifft, der TV-Markt sich also weiterhin zu einem Anbietermarkt
zurückentwickelt. In dieser Situation ist die Politik aufgerufen, die
Grundvoraussetzungen für einen fuktionierenden Markt zu schaffen, da erstes Ziel der
Wirtschaft nicht die Finanzierung der Medien ist, sondern der Return on Investment. Der
GWA fordert daherdie Erhaltung des dualen Rundfunksystems und die Beseitigung der
20-Uhr-Werbegrenze in den öffentlich-rechtlichen Programmen.
Erforderlich seien ferner mehr und kürzere Werbeblöcke, um Werbeeffektivität und die
Akzeptanz im Privatfernsehen besser steuern zu können.
Deutliche Kritik an der aktuellen medienpolitischen Argumentation des Privatfernsehens
übte ZDF-Intendant Prof. Dieter Stolte. Der private Rundfunk in
Deutschland leide werder am öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch an einem Mangel an
finanziellen Mitteln. Er leide vielmehr teils an Managementproblemen, teils an verfehlten
Programmzielen, kurzum: Er leide an sich selbst. Mit ihrer Argumentation gehe es den
Privaten nicht um die Qualität des Programmangebotes, sondern schlicht um die Erhaltung
ihres Duopol, welches der werbungtreibenden Wirtschaft die Preise vorschreiben
kann.
RTL-Geschäftsführer Prof. Dr. Helmut Thoma sieht den deutschen
Fernsehmarkt durch einen besonders starken Wettbewerb gekennzeichnet. Das werbefinanzierte
Fernsehen stoße an seine Grenzen, eine Marktbereinigung tue dringend
Not. Ein unmittelbares Zusammenwachsen von PC und TV sei trotz der vorhandenen
Möglichkeiten wegen widersprechender Nutzungsgewohnheiten nicht zu erwarten. Erfolgreiche
private TV-Angebote müssen daher ihre Unverwechselbarkeit und Unverzichtbarkeit wahren. Kontinuierliche
Zuschauerbindung fordere täglich starke Sendungen und regelmäßige
Programmhighlights.
Große Chancen sieht Karl Dietrich Seikel, Geschäftsführer des
Spiegel-Verlages, für den Printbereich im Medienmarkt der Zukunft. Mit dem
fortschreitenden Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft, begleitet von der Öffnung der
regionalen Märkte, wachse die Bedeutung von Wissen, Know-How und Bildung in Wirtschaft
und Gesellschaft rasch an. Die neuen elektronischen Medien würden bei der
Wissensvermittlung die klassischen Medien ergänzen, diese aber nicht ersetzen.Gefahren
für die Verlagshäuser berge dagegen die bedrohliche Regulierungswut,
die manchen Fortschritt in sein Gegenteil zu verkehren drohe. Ein ganz und gar sinnloses
beispiel staatlicher Regulierung sei das Tabakwerbeverbot, dessen
grundsätzliche Bedeutung in der öffentlichen Disskussion viel zu wenig beachtet werde.
Klare Worte gegen die 20-Uhr-Werbegrenze fand auch der Intendant des
hessischen Rundfunks, Prof. Dr. Klaus Berg. Die aus den
Anfängen des Werbefernsehens stammende, zum Schutz der regionalen Tageszeitungen
erlassenen Regularien bewirken eine massive und systematische Benachteiligung der
öffentlich-rechtlichen Programmanbieter. Die Werbegrenze bedeute eine anhaltende
Gefährdung der verfassungsrchtlich bestätigten Mischfinanzierung des
öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die vor einseitigen Abhängigkeiten schütze. Das immer
wieder bemühte Argument der Programmverflachung greift wegen der besonderen Zielgruppe
der informationsorientierten Selektivseher und dem Interesse der Werbewirtschaft an eben
dieser Zielgruppe nicht.
Die Überregulierung als eine Ursache abnehmender Akzeptanz der Werbung verdeutliche Hans
G. Güldenberg, Vorstandvorsitzender der Nestle Deutschland AG. So habe auch das
Medium Print einen deutlichen Vorteil gegenüber den elektronischen
Medien: Im Hinblick auf die Werbemenge und die mögliche Frequenz der Schaltungen ist
Print so gut wie nicht reguliert. Der Unternehmenschef erinnerte daran, daß Werbung neben
seinem eigentlichen Ziel des Verkaufens die Medien zu einem erheblichen Teil finanziere,
damit zur Meinungsvielfalt beitrage und Arbeitsplätze schaffe. Das Tabakwerbeverbot sei
von grundsätzlich negativer Bedeutung. Entschiedenen Widerstand gegen derartige Produktwerbeverbote
kündigte das Vorstandsmitglied des Markenverbandes an.
Keine völlige Umgestaltung des dualen Rundfunksystems durch den 4.
Rundfunkänderungsstaatsvertrag kündigte Kurt Beck, der
rheinland-pfälzische Ministerpräsident und Vorsitzende der Rundfunkkommission der
Länder, an. Neben der Umsetzung der revidierten EU-Fernsehrichtlinie kann der
Ministerpräsident sich Lockerungen in den Bereichen Teleshopping, Blockwerbegebote
und Teilbildschirmbelegungen vorstellen. Für die Werbewirtschaft würden
so neue Möglichkeiten eröffnet. Es würde an ihr liegen, diese Möglichkeiten schonend
anzuwenden, damit die Akzeptanz beim Zuschauer nicht weiter sinkt.
Berichterstattung: Rechtsanwältin Petra Marwitz, Kanzlei Marwitz,
Frankfurt/M.

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