ZAW
- Plenum der Werbung 1999: 50 Jahre ZAW
ZAW - Plenum der Werbung 1999
Mit einer Deklaration der deutschen
Wirtschaft zur Werbefreiheit" begrüßte Dr. Manfred Lange, der Präsident des
ZAW, Staatssekretär Schomerus, der stellvertretend für Bundeswirtschaftsminister Müller
dem ZAW seine Glückwünsche zum 50 jährigen Jubiläum überbrachte. Am 19./20. Mai wurde
dieser Anlaß mit einem Abendempfang in Hotel Adlon und einer Vortrags- und
Diskussionsveranstaltung im Willy-Brand-Haus in Berlin gefeiert. Die deutsche Wirtschaft
formuliert in dieser Deklaration Anforderungen an die Wirtschaftpolitik der
Bundesregierung. Der Vortrag des Staatssekretärs zu Werbung und Wettbewerb in der
sozialen Marktwirtschaft zeigte eine Unterstützung der Belange der Werbewirtschaft durch
die Bundesregierung. Stark kritisiert wurden die europäischen Werbeverbotspläne, da
der EU die Kompetenz fehle. Einer Politik, die mit den Grundsätzen der deutschen
Ordnungspolitik nicht vereinbar sei, werde die Bundesregierung sich entgegenstellen.
Die Ausführungen des Bundeswirtschaftsministeriums beendeten einen Tag mit
konzentrierten Vorträgen und Diskussionen. Dr. Manfred Lange hatte nach einem Abriß der
Geschichte des ZAW auf die Pläne des Bundesgesundheitsministeriums aufmerksam gemacht, Werbung
für alkoholische Getränke nur noch in der Zeit von 22 Uhr bis 6 Uhr zuzulassen.
Diese Vorhaben zeigten, daß es nicht mehr nur um Fragen von gesetzlichen Regelungen oder
Selbstkontrolle gehe, sondern daß es um die existenzielle Frage geht, ob legal
hergestellte Produkte auch legal beworben werden dürfen. Staatliche Werbeverbote würden
in die Gestaltungfreiheit der Unternehmen tief eingreifen. Werbeverbote würden ein existenzielles
Grundproblem der Ordnung offener Gesellschaften und der künftigen politischen Ordnung der
Demokratien in Europa und in anderen Regionen betreffen. Es dränge sich der Eindruck
auf, daß die Eurokratie sich dazu berufen fühle, den Bürger vor sich selbst zu
schützen. Da Verkaufsverbote sich politisch nicht durchsetzen lassen und fiskalpolitisch
häufig ein Eigentor sind, greife man allzugerne nach Werbeverboten, um nachzuweisen, daß
endlich etwas getan werde und die von manchen als läöstig empfunden Werbeflut
eingedämmt werde. Die hierdurch angerichteten Flurschäden für die Märkte, auch
die Arbeitsmärkte, wolle man lieber nicht zur Kenntnis nehmen.
Auf den Wert der Werbung als ökonomischer und sozialer Sicht wies Volker
Nickel, ZAW, hin. Die Werbewirtschaft trage mehr zum Brutto-Inlandsprodukt bei als
Sektoren wie Rundfunk-, Fernseh- und Nachrichtentechnik, Bekleidungsindustrie, Kredit und
Versicheungsgewerbe oder der Sektor Pharma. In der Kostenstruktur der Unternehmen würden
die Werbeausgaben nur eine untergeordnete Rangposition einnehmen. Lediglich 1 % des
betrieblichen Kostenaufwandes entfalle auf Werbung. Nickel verwies auf die Aufgabe der
Werbung, Marktübersicht zu verschaffen. Der Wettbewerb um verbesserte und qualitativ
hochwertige Erzeugnisse werde gefördert. Durch eine Angebotstiefe und breite werde
ein hohes Konsumniveau erreicht und ein hoher Lebenstandard ermöglicht. Ein Blicck auf
die Medienbetreiber mache den Wert der Werbung für die Funktionsfähigkeit der
Kommunikationsstruktur bewußt. Die Medien in ihrer Menge und Vielfalt würden für eine
kontinuierliche politische Kommunikation sorgen. Demokratien können nur mit Hilfe
dieser Form der Öffentlichkeit funktionieren. Auch die Mediennutzer würden von der
Vielfalt des Medienangebotes profitieren, da eine Selektion nach den individuellen
Bedürfnissen ermöglicht wird. Die Steigerung des Mehrwertes der Werbung formulierte
Nickel als Aufgabe für Unternehmer.
Ein Trend der globalen Medienentwicklung ist die Ermöglichung des direkten Zugriffes
auf Inhalte, so daß die Bedeutung der Vermittler von Inhalten sinkt. Dr. Thomas
Middlehoff, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG, verurssachte Nachdenklichkeit bei
den rund 400 Teilnehmern der 50-Jahres-Geburtstagsfeier des ZAW. Middlehoff war einer der
Festredner, die eine Paradigmenwechsel forderten. Im Zeitalter der neuen
Kommunikationstechnologien sei nicht die Unternehmensgröße ein das ausschlaggebende
Kriterium, sondern die Schnelligkeit und die Flexibilität des Reagierens am Markt.
Viele würden den Markt falsch einschätzen, da sich auf dem Medienmarkt nicht mehr nur
die alten Wettbewerber bewegen. Unternehmen wie Microsoft, Telekom, AT&T seien zu
berücksichtigen, kleinere Startups wie Yahoo und Emerson, die vor einigen Jahren
noch keiner kannte, hätten bereits eine erhebliche Marktbedeutung. Allerdings sieht
Middlehoff das Internet nicht als Gefahr für das Stammgeschäft von Bertelsmann: Die
neuen Kommunikationstechnologien würden vielmehr ergänzende Verbreitungsformen
darstellen und neue Marketingkonzepte ermöglichen. Aber: Die Schnellikeit wird über die
Marktpräsenz und stellung entscheiden. Und dies nicht nur im nationalen, sondern im
Internationalen Vergleich.
Während Middlehoff in seiner Rede die Auswirkungen der derzeitigen industriellen
Revolution in den Mittelpunkt stellte, erinnerte Peter Brabeck-Letmathe, Delegierter des
Verwaltungsrates der Schweizer Nestlè AG an die Bedeutung der Kontinuität und des
Vertrauens. Markenführung erfordere einen einheitlichen Auftritt auch bei globalen
Marken, die lediglich geringe Anpassungen für die lokalen Bereich zulassen würden. Je
stärker der Markenkern des Nestes mit der Vogelfamielie betroffen sei, deso weniger seien
Änderungen im Markenauftritt möglich. Der Unternehmer kritisierte die mangelnde
Effizienz der Werbung, da nach Schätzungen von verschiedenen Unternehmern teilweise 60
oder 80 % der Werbung nicht ihr Ziel erreicht. Mehr Markteffizienz soll durch
Klusterbildung und durch eine stärkere Verantwortlichkeit von Einzelpersonen erreicht
werden. Deutliche Kritik erfuhren die geplanten Werbebeschränkungen der EU: Werbeverbote
würden die Grundsätze der Marktwirtschaft in Frage stellen.
Strukturveränderungen durch Werbeverbote befürchtet auch Lothar S. Leonhard, der
Präsident des Gesamtverbandes Werbeagenturen. In der von Thomas Voigt, Impulse,
moderierten Podiumsdiskussion wurde Handlungsbedarf ausgemacht. Es brennt",
hieß es da, mehr Offensive" sei gefragt. Dagmar Roth Behrendt, SPD und
Mitglied des Europäischen Parlamentes, kündigte eine Liste mit Handlungsvorschlägen an.
Als wesentliche Manko wurde des weiteren kritisiert, daß die eigentlich Betroffenen auf
der Unternehmensleitungsebene die viel zu lange mißachteten Probleme auch heute noch
nicht wahrnehmen wollten. Wenn einem Brauereiinhaber das Ende der Fernsehwerbung für
alkoholische Getränke angekündigt werde, dann würden diese Ankündigungen noch als
Schwarzmalerei" bezeichnet. In Wahrheit sei aber Europa viel zu lange nicht
ernst genommen worden. Dr. Hubert Burda, Präsident des Verbandes Deutscher
Zeitschriftenverleger, kündigte eine Hamburger Erklärung zur Pressefreiheit als einen
Schritt in einer europäischen orientierten Offensive an.
Ma 20-5-99

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